Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk 2020/2021 – ein Überblick

Anfang November 2021 blickt das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) auf 2,5 Jahre zurück, die seit seiner Verbandsgründung vergangen sind. 

Viel ist in dieser Zeit passiert. Denn neben den wichtigen berufspolitischen Themen, die eine Menge Aufmerksamkeit verlangen und deren fortlaufende Verfolgung sehr wichtig ist, damit wir als berufspolitische Kraft die Weichenstellungen für unseren Berufsstand mitgestalten, musste ja noch der Aufbau des Verbandes als solches bewerkstelligt werden. Zu Letzterem gehören die vielen organisatorischen und technischen „Kleinigkeiten“, deren Vielzahl und zeitlicher Aufwand erst in der täglichen Arbeit deutlich wird.

Bewerkstelligt wurde der weitere Aufbau der DPNW-Homepage, um unseren Mitgliedern eine gute Basis bieten zu können, von der aus sie möglichst einfach Zugriff auf nützliche Informationen und Materialien erhalten; verfolgt wird Aufbau und Pflege diverser verbandseigener Plattformen, die sowohl ein Instrument für die Mitglieder als auch alternative Konzepte zu den auf dem Markt befindlichen Anbietern sind – wie der DPNW-eigene telefonische Terminvermittlungsdienst, eine eigene, datenschutzkonforme Suchmaschine, eine eigene Videoplattform für Patientenbehandlungen sowie weitere Plattformen als Austauschforen und Datenbanken; Bekanntmachung des DPNW durch Pressemitteilungen und Darstellung im Internet, wie auch auf Wikipedia.

Dann natürlich die tägliche Beantwortung der vielen eingehenden Anfragen und guten Anregungen, die Organisation von Fortbildungen, der wöchentliche Versand des Newsletters und vieles mehr.

Hiermit eng verknüpft ist natürlich die vielfältige inhaltliche Arbeit, die uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Aber es sind schließlich die Herausforderungen, aufgrund derer das DPNW überhaupt entstanden ist, und so sind diese auch immer unsere Antriebskraft und Motivation.

Aber: Ohne die Unterstützung unserer zahlreichen Mitglieder und Newsletter-LeserInnen wäre diese aufwändige, spannende und wichtige Arbeit nicht denkbar!

 

Nachdem das Jahr 2019 besonders geprägt war durch die Vorarbeit und Gründung des DPNW, dem Aufbau des Mitgliederstammes und einer Mitgliederverwaltung, Ausweitung politischer Kontakte und Besuche des Vorstandes bei Politikern in Berlin, um auf gesundheitspolitischer Ebene die Konsequenzen darzustellen, die die Gesetzespolitik des Bundesgesundheitsministers für unseren Berufsstand bedeutet, wurde die Arbeit in 2020 und 2021 noch durch andere Ereignisse geprägt. Denn:

Eigentlich waren wir mit verschiedenen spannenden Planungen ins Jahr 2020 gestartet, deren Umsetzung wir dann auf die weitere Zukunft verschieben mussten. Unter anderem mit der Idee und ersten Vorbereitungen für einen Kongress, bei dem neben interessanten Fachvorträgen ein gemeinsames, persönliches Kennenlernen der Verbandsmitglieder hätte stattfinden sollen, machte uns dann ein – leider immer noch herumspukendes – Schreckgespenst namens „Corona“ einen Strich durch diese Planungen.

Und es schien nicht einfach in einer Zeit, wo persönliche Treffen weder mit PolitikerInnen noch mit KollegInnen möglich waren, einzuschätzen, welche Richtung ein so junger Berufsverband dadurch nehmen könnte. Umso stolzer macht es uns, dass wir alle auch mit dieser neuen Herausforderung eine Hürde genommen haben und auf vielen „Online“-Wegen neue Kontakte knüpfen und unsere Arbeit fortsetzen konnten. Und wie schon erwähnt: Das alles ist neben der Arbeit des DPNW-Vorstandes und Mitarbeiterteams nur möglich durch das Engagement und die Unterstützung unserer Mitglieder, deren Zahl inzwischen auf über 1.800 Kolleginnen und Kollegen angewachsen ist. Dazu kommen die insgesamt 12.500 Leserinnen und Leser, die den wöchentlichen DPNW-Newsletter abonniert haben.

 

Corona und in diesem Jahr die Flutkatastrophe haben also die „Umlegung einiger Weichen“ auf unserem Weg erforderlich gemacht. Diese neuen „Abzweigungen“ haben uns aber auch zu Themen gebracht, die wertvolle Neuerungen mit sich bringen und uns fortlaufend noch beschäftigen.

So konzentrierten wir uns in 2020 auf die sofortige Umsetzung der Möglichkeit zu unbegrenzter Therapie per Video und Telefon. Diese sollte auch über die Pandemie hinaus als Möglichkeit und ohne zu massive abrechnungstechnische Restriktionen zur Verfügung stehen für PatientInnen und KollegInnen, für die es eine hilfreiche Ergänzung und Erleichterung bei Erkrankung oder sonstigen Problemen darstellen kann. Wir haben die Kassenärztlichen Vereinigungen davon überzeugt, die Abschlagszahlungen für Kolleginnen und Kollegen, die in der Corona-Pandemie weniger verdienten, nicht zu senken. Uns darauf konzentriert, die Politik und Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass traumatisierend wirkende Ereignisse wie Corona und Flutkatastrophe nachhaltig auf Menschen einwirken, das Bewusstsein dafür geschärft werden muss und präventive Maßnahmen notwendig sind, um trotz dieser Belastungen die Gesundheit zu erhalten.

 

Die Flutkatastrophe erforderte hier sofortiges Handeln: Durch die überwältigende Hilfsbereitschaft von Kolleginnen und Kollegen konnte beim DPNW sehr schnell ein Notfalltelefon eingerichtet werden, bei dem Hilfesuchende ein erstes Gespräch und Unterstützung durch PsychotherapeutInnen finden können. Ebenso wie eine Datenbank an Angeboten von KollegInnen, die ihre Behandlungsräume für in Not geratene KollegInnen zur Verfügung stellen.

In unseren bereits bestehenden Terminvermittlungsdienst für Psychotherapiesuchende haben wir sofort viele Termine von KollegInnen für Akutbehandlungen integriert, die uns sehr hilfsbereit solche Termine, speziell für Flutbetroffene, mitgeteilt haben.

 

Und angestoßen durch diese Ereignisse gibt es jetzt, in Kooperation mit dem Rhein-Eifel-Institut in Andernach, Ausbildungen in Psychologischer Erster Hilfe, die sehr gefragt sind und sowohl von KollegInnen wie von Laien besucht werden können. Organisatorisch gehört hierzu die Verbreitung dieser Angebote durch Pressemitteilungen, Kontaktaufnahmen zu anderen Hilfsstellen, städtischen Einrichtungen etc.

 

Ein weiteres „akutes“ Ereignis in 2021 ist mit der E-Evidence-Verordnung aufgetaucht, auf die das DPNW mittels eine Petition aufmerksam macht, durch welche bereits mehrere tausend Unterschriften gesammelt werden konnten und wir Aufmerksamkeit und Unterstützung bei dem Thema durch den Bundesdatenschutzbeauftragten, die KBV, den BDP und kirchliche Stellen erhalten haben. Ohne Einwirken gegen ein Inkrafttreten dieser E-Evidence-Verordnung geraten wir sehr schnell europaweit in die Situation, dass Länderrecht und damit auch die Schweigepflicht nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in Kirchen, bei Rechtsanwälten, Steuerberatern etc. durch die Anwendung einer übergeordneten Gesetzesausübung ausgehebelt werden kann. Der DPNW-Vorstand führt hier zur Zeit Gespräche mit den Zuständigen auf EU-Ebene.

 

Neben solchen aktuellen Themen dürfen natürlich nie die Dinge vergessen werden, die uns laufend seit Verbandsgründung und schon davor beschäftigen. Hier natürlich zu nennen die Sorge um unsere Schweigepflicht und die drohenden Einschränkungen unseres Berufsstandes, die wir in unserer täglichen Praxis immer mehr zu spüren bekommen. Das brauchen wir den vielen Kolleginnen und Kollegen an dieser Stelle kaum erläutern, die sich zwangsweise haben an die Telematik-Infrastruktur anschließen lassen (müssen) und die zur Zeit mit kleinen Katastrophen durch die nicht funktionierende Technik in ihrem Praxisalltag zu kämpfen haben. Einerseits ist da die Erhöhung des Drucks durch die Politik – auch mit dem moralischen Druck auf die BehandlerInnen, dass „nur die TI“ vor Datenhacks und Datenverlust schützen könne - was von namhaften IT-Fachleuten und Datenschützern als Irreführung bezeichnet wird; Sanktionen gegen KollegInnen, die aus Gewissensgründen standhaft bleiben und deshalb Honorareinbußen in Kauf nehmen; Schürung von Sorgen, dass gar ein Zulassungsentzug oder Unmöglichkeit von Praxistätigkeit drohe, was rechtlich nicht zu halten ist. Auf der anderen Seite erleben die PraxisinhaberInnen, dass die Technik mit Ausfällen zu kämpfen hat oder sogar den Praxisalltag lahm legt, wie der Ausfall des Versichertenstammdatenmanagements in 2020; dass durch angeblich geschultes IT-Personal ganze Praxisrechner ungeschützt und mit Passwörtern belegt werden, die eine solche Bezeichnung nicht verdienen. Das drohende Szenario, sich sofort für eAU und eRezept bereit machen zu müssen, diese Anwendungen aber von einem Funktionieren weit entfernt sind. Oder wie kürzlich treffend von Netzpolitik.org geschrieben wurde: „Auf die Idee muss man erstmal kommen: Wir schreiben erst Digitalisierung für alle politisch vor und schulen das Personal dann irgendwann später.“

So hat das DPNW darauf hingewirkt, den Kommunikationsdienst KIM (Kommunikation im Medizinwesen), die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und das elektronische Rezept erfolgreich zu blockieren.

Ganz außer Acht gelassen wird von der Politik schon seit Jahren, dass es alternative, digitale Konzepte gibt, die genauso und besser funktionieren würden und in erster Linie den Patienten und Behandlern zugute kämen und nicht irgendwelchen wirtschaftlichen Interessen. Denn das Gesundheitswesen muss für die PatientInnen da sein und nicht umgekehrt!

 

Schon Ende 2019 hat das DPNW das Bündnis zum Schutz der Gesundheitsdaten ins Leben gerufen, welches in regelmäßigen Meetings Aktionen plant (wie z.B. auf Twitter, zwecks Bewusstmachung des Themas in der breiten Öffentlichkeit, oder gemeinsamen Schreiben an Politiker) und an denen verschiedene Initiativen und Verbände beteiligt sind, die das Patientendatenschutz-Thema als wichtigen Bestandteil der aktuellen Gesundheitspolitik einschätzen. Und bei diesem Thema eine andere Perspektive einnehmen als z.B. der Bundesgesundheitsminister mit seinem „Patientendaten-Schutzgesetz“, dessen Umsetzung man wohl eher mit dem „Schutz dieser Daten vor zuviel Datenschutz“ bezeichnen sollte.

 

In diesem Zusammenhang entwickelt das DPNW eigene Plattformen, z.B. als Kommunikationsplattform für Psychotherapeuten, mit eigenem Sicherheitskonzept. Es wurde ein Test zu Praxisverwaltungssystemen für unsere Mitglieder erstellt.  Wir setzen uns dafür ein, dass eine unsichere TI, unsichere Praxis- und Arztausweise nicht zum Einsatz kommen, bei denen schon in 2020 der Chaos Computer Club verheerende Datenlecks offenlegte.  Wir haben mehrere Befragungen unter KollegInnen und auch PatientInnen durchgeführt, wie zur elektronischen Patientenakte (wissenschaftlich gestützt durch die Universität Bonn), zur Videosprechstunde in der Psychotherapie, Zufriedenheit mit Praxisverwaltungssystemen, zur Maskenpflicht in der Psychotherapie. Aktuell läuft eine Umfrage zu Erfahrungen unserer KollegInnen zum Nutzen der TI in der psychotherapeutischen Praxis.

Unsere Mitglieder finden in einem speziellen Online-Bereich verschiedene nützliche Unterstützungen wie Mustertexte, Widerspruchsschreiben gegen Honorarkürzungen, Skripte zu DPNW-Webinaren und einiges mehr.

 

Gegen die Honorar-Sanktionen für BehandlerInnen werden Muster- und Verfassungsklagen geführt sowie eine Verfassungsklage gegen die für PatientInnen unzumutbare Lotsenregelung begonnen.

Zum überregionalen Austausch von Telematikgegnern hat das DPNW ein Forum eingerichtet, in dem sich Betroffene gegenseitig unterstützen können und eine Diskussionsplattform erhalten haben.

 

Online-Veranstaltungen und Samstags-Sprechstunden werden in 2020 und 2021 regelmäßig angeboten. Die Webinare für die Mitglieder sind auf große Beliebtheit gestoßen, ebenso wie die persönlichen Termine für IT- und Rechtsberatungen. Diese Angebote sind für Mitglieder kostenlos und inzwischen fester Bestandteil unseres Angebotes.  Das Besondere an den Online-Veranstaltungen, den Webinaren, bei denen meist auch Fortbildungspunkte erworben werden können: Sie orientieren sich an brandaktuellen und an nützlichen Themen für die psychotherapeutische Praxis. So geht es um Themen wie Dokumentationspflicht und Aktenführung, IT-/PC-Sicherheit in der Praxis, rechtssichere Backups und Verschlüsselung, Praxisabgabe/Jobsharing, Corona und seine Auswirkungen für die psychotherapeutische Praxis, Corona-Schutzschirm KV, Verschwörungstheorien, posttraumatische Verbitterungsstörung u.v.m.

 

Und wir konnten den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber bereits zweimal gewinnen, mit uns über die Telematikinfrastruktur, elektronische Patientenakte und die Konsequenzen einer unzureichend ausgereiften Digitalisierung unseres Gesundheitswesens und unserer Gesellschaft zu diskutieren.

 

Unterstützt werden all unsere Arbeiten durch verschiedene Pressemitteilungen zu aktuellen Themen, die das DPNW herausgibt, die oft auch überregional auf großes Interesse stoßen und Aufmerksamkeit auf unser KollegInnennetzwerk lenken. Aktuelle Entwicklungen wie z.B. die Positionierung der zuständigen Stellen auf unsere Seite, nämlich gegen die untragbaren TI-Sanktionen, geben uns Recht, hier „auf Kurs“ zu bleiben und dass sich hartnäckige Arbeit in die richtige Richtung, auch gegen Widerstände, bezahlt macht.

 

So ist das DPNW seit seiner Gründung (und als KollegInnennetzwerk schon davor) eine Stimme geworden besonders für alle die, die sich gegen den Sog einer übereifrigen, die PatientInnen- und TherapeutInnenbelange außer Acht lassenden Digitalisierung zur Wehr setzen. Die Patientinnen und Patienten dürfen nicht allein gelassen werden mit einer unzureichenden Versorgung mit Psychotherapieplätzen, wofür sich das DPNW auf politischer Ebene einsetzt. Die Selbständigkeit des Berufsstandes muss gewahrt bleiben in allen Bereichen, zum Nutzen und zur Sicherheit der PatientInnen. Das Erstzugangsrecht von PatientInnen zur psychotherapeutischen Behandlung muss bestehen bleiben. Die Qualitätssicherung in der Psychotherapie ist ein zentrales Thema, an dem die BehandlerInnen mitarbeiten müssen und die ihnen nicht von außen aufgesetzt werden darf. Es gilt als Ziel, Entscheidungshoheit über die Dauer und Notwendigkeit von psychotherapeutischen Behandlungen zu erlagen. Diese und weitere Themen bestimmen unsere tägliche Arbeit, mit der wir an den Weichenstellungen für die Zukunft unseren Berufsstand mitwirken.